Babylonische Sprachverwirrung – Lesung mit Christoph Scheuerecker

Babylonische Sprachverwirrung

Es begann mit dem Turmbau, also der Vermessenheit, und endete mit der alttestamentarischen Strafe. Sie kennen den Begriff Babylonische Sprachverwirrung. Damit ist der heillose Zustand bezeichnet, nachdem die Menschen einander nicht mehr verstanden. Hunderte Sprachen trafen aufeinander, alle redeten aufeinander ein.

Das ist aber ein Bild.

Und wir sind Künstler und arbeiten mit Bildern.

Heute sprechen zumindest kleine Gruppen gemeinsame Sprachen oder sie haben Dolmetscher zwischen sich. Allerdings gibt es niemanden, der die Anliegen einer Steinhummel an einen Spaziergänger übersetzen könnte. Ein neues Bild müsste also genau dort greifen. Wir wissen von entrückten Personen, die mit Vögeln sprachen. Auch das ist ein christliches Bild. Allerdings ist sein Haltbarkeitsdatum überschritten. Ein gegenwärtig und allgemein gültiges Bild (Entschuldigung an alle gläubigen Christen), muss erst noch entworfen werden. Der vorliegende Text sollte sich ursprünglich auf die Magnetfeldorientierung der Bienen beschränken. Später habe ich ihn umgeschrieben und ausgeweitet auf die Sinnesorgane und die daraus folgenden Sinnesempfindungen bei Menschen und Tieren und Pflanzen. Das halte ich für den Schlüssel. Der Text untersucht all das nicht detailliert, sondern in einzelnen Vorstößen besonders zu den Bienen und im Hinblick auf heutige künstlerische Arbeit. Er zieht aus den wahrgenommenen Umständen das Fazit, dass hier jeder mit jedem spricht, dass wir es aber nicht hören und nicht hören wollen. /Christoph Scheuerecker

Christoph Scheuerecker ist bei #wurzelspitzen mit den Installationen „Die Quadratur des Kreises“ und „Halt auf offener Strecke“ vertreten.

In seinem 2020 erschienenen Buch „Näheres“ schildert er, wie er als Student in der Akademie der Bildenden Künste in München mit der Imkerei begann. Es versammelt hochaktuellen Stoff aus dem poetischen Archiv des Künstlers und gibt tiefe Einblicke in Bienenkunde, Botanik, Biologie, Literatur und Kunst. Mittlerweile hält er im zweiundzwanzigsten Jahr Bienen, die meiste Zeit davon im städtischen Rosengarten am Schyrenbad.

„Näheres“ ist für 49.- € in der Ausstellung erhältlich.

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