1. Nadine Baldow, Berlin

1. Nadine Baldow
Berlin
Vita
1990 in Dresden geboren
2018 -2021 Meisterschülerin von Prof. Eberhard Bosslet
2014 -2018 Studium der Bildenden Künste bei Prof. Eberhard Bosslet, Hochschule für Bildende Künste Dresden
2013 – 2014 Studium der Bildenden Künste bei Prof. Carl Emanuel Wolff, Hochschule für Bildende Künste Dresden
2010 – 2013 Ausbildung zur Holzbildhauerin bei Michael von Brentano, Schulen für Holz und Gestaltung, Garmisch-Partenkirchen
Stipendien/Preise
2020 Stipendiatin des ArtsCouncil Ireland in Kooperation mit dem Leitrim Sculpture Centre, IRE
2020 Stipendiatin des Landes Nordrhein-Westphalen mit Arbeitsaufenthalt im Künstlerdorf Schöppingen, DE
2019 Stipendium, Stiftung Berliner Leben, Urban Nation, Museum for Urban Contemporary Arts, Berlin, DE
2019 Stipendiatin der META Foundation und Fondazzjoni Kreattivita, Gozo und Valletta, MLT
2018 – 2019 Atelierstipendium, „a room that…“, Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst Leipzig, DE
2018 Projektstipendium, Hansung Universität in Kooperation mit 369ArtSpace, Seoul, KOR
2017 Projektstipendium der StoryOf-Foundation, Panaji Goa, IND
2017 Stipendium des Umweltbundesamts (UBA), Arbeitsaufenthalt auf der Naturschutzinsel Vilm, DE
2017 FSK-Polyurethaninnovationspreis, DE
2016 Stipendiatin der KYTA-Foundation, Arbeitsaufenthalt in den Himalayas, IND
2015 Stipendiatin des deutsch-tschechischen Zukunftsfonds, Biosphärenreservat Sumava, CZE
Einzelausstellungen / Arbeiten im öffentlichen Raum (Auswahl)
2020 LANDMARKS I, Leitrim Sculpture Centre, Manorhamilton, IRE
2019 MUTATION I, Urban Nation, Museum for Urban Contemporary Arts, Berlin, DE
2019 PRISTINE PARADISE, Valletta Contemporary, Valletta, MLT
2018 VALUE RELOADED (mit M. Pourebrahim), Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Leipzig, DE
2017 HUMAN OCCUPIER, Intervention im öffentlichen Raum, Panaji, IND
2017 SUPER SWEET SHOWCASES, Arbeit im öffentlichen Raum, Dresden, DE
2016 SUPER TOXIC TERRARIUM, Intervention im öffentlichen Raum, Görlitz Bahnhof, DE
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 EARTH,t.b.a., Haus am Lützowplatz, Berlin, DE
2020 UP TO NOW, Valletta Contemporary, Valletta, MLT
2019 DEEP SURFACE, Zentrum für zeitgenössische Kunst, Halle 14, Leipzig, DE
2018 THE UNIVERSAL SEA, Centre of Polish Sculpture, Oronsko, PL
2017 TROPICAL HEALING, Gallery Vriend van Bavink, Amsterdam, NL
2017 BLOOOM AWARD, ArtDüsseldorf, DE
2017 MAG HOME, Redbase Foundation, Yogyakarta, IDN
2016 KYTA 2016, Contemporary Art Week, New Delhi, IND
2016 OSTRALE WEHT ODER, Ostrale Zentrum für zeitgenössische Kunst, Wroclaw, PL
2016 ERROR X, Ostrale Zentrum für zeitgenössische Kunst, Dresden, DE
Website www.nadinebaldow.com
Instagram @nadine_baldow
Arbeit 1a “Geographies of Love II“
Material Polyurethan, Hasendraht, Dachlatten, Unkrautfilz
Jahr 2021
Größe
Geographies of Love II
Im Gewächshaus auf dem Gelände der ehemaligen Gärtnerei „Demmel“ treffen organische Wuchsformen aus dem industriell hergestelltem Material, Polyurethanschaum (Material künstlichen Ursprungs), auf Äste (Material natürlichen Ursprungs), Fetzen von Gartenfilz, ein Gerüst aus Dachlatten und die Gitterstruktur von Hasendraht. Ähnlich eines fremdartigen Organismus scheint die orangefarbene Schaummasse diese Strukturen zu besetzen und auf deren Substanz weiter zu wuchern. Im Laufe der Zeit wird sich die Materialität von GEOGRAPHIES OF LOVE II visuell sehr stark verändern, da Nadine Baldow diese Arbeit bewusst nicht vor der absehbaren Alterung durch UV-Einstrahlung schützt. Klimatisch ist das Gewächshaus als ein von der Umwelt abgetrenntes System zu bewerten – ein Ort der Künstlichkeit, mit dem Ziel das Wachstum ausgewählter Pflanzen zu unterstützen.
In einer Gärtnerei spielen Pflanzen eine zentrale Rolle. Diese lebenden Organismen verändern sich mit jeder Jahreszeit und bringen verschiedene Erscheinungsformen mit sich, die im Verlauf eines Jahres immer wieder neu auftreten. Dies ist bei Baldows GEOGRAPHIES OF LOVE II nicht der Fall. Auch wenn die Materialität des industriellen Polyurethanschaums auf den ersten Blick die Assoziation eines unaufhaltsam wuchernden Pilzmyzels weckt, ist dieses künstliche Gebilde bei längerer Betrachtung wie eingefroren. Ist es abgestorben? War es mal lebendig?
Das Bild pilzartiger Strukturen, die in und über natürliche und menschengemachten Strukturen wuchern eröffnen ein dystopisches Gedankenexperiment über die zukünftige, durch den Klimawandel veränderte, Natur auf diesem Planeten. Pilze sind seit über 400 Millionen Jahren Teil der Erde und sie stellen gute Indikatoren für kleine und große Veränderungen des Ökosystems dar. Manche verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten große Katastrophen zu überleben – wie der Pestalotiopsis Mircospora, welcher in der Lage ist selbst in sauerstofffreier Umgebung bestimmte Polyurethane abzubauen und zu verdauen. Das erste Lebewesen, dass sich nach der nuklearen Katastrophe in Hiroshima durchsetzte, war ebenfalls ein Pilz. Der Matsutake, welcher sich darauf spezialisiert hatte, auf den von der Industrialisierung langfristig verseuchten Böden zu wachsen. Diese Beispiele eröffnen Möglichkeiten vom Leben in einer vom Menschen und für den Menschen zerstörten Umwelt.
Baldow stellt in ihren Arbeiten Mensch und Natur oft als Konkurrenten dar – im Kampf um Lebensraum. Der Mensch muss unentwegt aktiv auf seine Umgebung einwirken, um den Zustand der „Zivilisation“ zu erhalten. Auch der Garten als Konzept bedeutet die Aneignung von Landschaft. Als zum ersten Mal eine Begrenzung um eine Landschaft errichtet wurde, wurde die Kluft zwischen dem Menschen und der Natur physisch erfahrbar. Wir leben in einer geophysikalischen Epoche, die als Anthropozän bezeichnet wird, in welcher der Mensch in der Lage ist im globalen Maßstab auf das Erscheinungsbild der Landschaft einzuwirken.
Diese Umgestaltung der Erde ist nun soweit fortgeschritten, dass die Grenzen zwischen Natur und Kultur zunehmend unscharf geworden sind. Das Gleiche gilt für die Grenzen von künstlich und natürlich: Ist eine Wiese künstlich? Sind Schafe als domestizierte Tiere natürlich? Ideonella Sakaiensis ist ein Bakterium, das sich auf Polyethylenterephthalat (kurz PET) spezialisiert hat. Das Bakterium zerstört die Struktur, wandelt die Bruchstücke in verdauliche Produkte um und ernährt sich davon. Wenn Mikroplastik praktisch überall aufzufinden ist; der Arktis, der Tiefsee, selbst in Lebewesen und sich bereits Organismen entwickelt haben, die sich davon ernähren – ist Plastik dann künstlich oder natürlich?
Es ist ein Rennen um die Zeit – sich anzupassen. Bloß…der menschliche Körper passt sich verhältnismäßig langsam an extreme Gegebenheiten an. Die Frage, wer am Ende die Krone der Schöpfung sein wird, bleibt also spannend. Die Natur als hochkomplexes selbstkorrigierendes System wird auf diesem Planeten nicht durch den Menschen vernichtet. Auch wenn die extremen Veränderung der Gegebenheiten mit sehr viel Leid für sehr viele Lebewesen verbunden sein wird….Sie wird sich erholen. Ohne den Einfluss des Menschen.

Die Arbeit GEOGRAPHIES OF LOVE II wurde realisiert mit der freundlichen Unterstützung von Soudal.