3. Karolin Bräg, München

Vita
1961 geboren in Köln
1984 – 1990 Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München, D
1994 – 1995 Studienaufenthalt in Tokyo, Japan
2000 HSP III – Stipendium des Bayerischen Staatsministeriums
2005 – 2008 Mitglied der Kommission für Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum in München, QUIVID
2007 –2010 Künstlerische Assistentin am Lehrstuhl für Bildnerisches Gestalten, Fakultät für Architektur, TU München
2016 – 2019 Planung Friedhofsbeitrag BUGA Heilbronn 2019 mit Siegmund Landschaftsarchitektur und Daniel Bräg
2020 -2022 Zeichen der Erinnerung für den Kanton Thurgau, Schweiz
Ausstellungsbeteiligungen
2021 MEMORY, Kunstmuseum Olten, Schweiz
2020/21 MEMENTO, Museum für Sepulkralkultur, Kassel
2020 NS-Unrecht und Widerstand im Spiegel der Kunst, Kreisgalerie Schloss Meßkirch
2019 … weil du mich berührst, Karmeliterkirche München
vom ausgesprochenen und einverleibten Glück, Stuttgart Hohenheim
SO EIN GOLDENES LAND, Singenkunst, Museum Singen
Website www.karolin-braeg.de
Arbeit 3a   ausgesprochenes Glück
Material Druckgrafik auf Forex
Jahr 2019
Grösse je 50 x70 cm
Anderes 18 von 32 Zitaten
Arbeit 3b Friedhofsgespräche
Material 17 Hinweisschilder, 18 Pflanzschalen mit jahreszeitlicher Bepflanzung
Jahr 1997
Größe Bodeninstallation, 6 x 5 m

ausgesprochenes Glück

Jeder ist auf der Suche nach seinem eigenen Glück, jeder hat eine andere Vorstellung davon. So individuell wie wir sind, ist auch die Glücksformel.
Glück ist flüchtig – wir streben nach ihm und wenn wir glauben, es zu besitzen, kann es ins Unglück umschlagen oder verschattet sich, weil es nicht andauert. Sobald wir uns vergleichen, verlieren wir das Glück restlos.
Glück empfinden wir bei körperlicher Berührung, im Blick auf vollkommene Schönheit, in dem Gefühl, am richtigen Ort zu sein, wenn wir belohnt werden für eigene Erfolge, beim Genießen mit allen Sinnen, wenn wir uns verbunden fühlen.
Und dann kann das Glück uns verlassen, manchmal ohne unser Zutun, plötzlich und unerwartet. Es treten schwere Ereignisse in unser Leben. – Wie gehen wir damit um?

20 Menschen bat ich ins Gespräch, die mir auf meine Frage: «Mit wem oder was sind Sie verbunden, wenn Sie sich glücklich fühlen?», ihre ganz persönliche Sicht mitteilten. Daraus entstanden 32 Zitate, in denen die Essenz des Gesprochenen aufscheint. Aus dem Gesamtbild wurden 18 Zitate für diese Ausstellung ausgewählt. Im Betrachten und Lesen lassen sie uns teilhaben und befragen gleichzeitig uns selbst.

Friedhofgespräche

Friedhofsgespräche (1997) ist der Titel der Installation von 18 Pflanzencontainern mit jahreszeitgemäßer Grabbepflanzung. In fast jedem steckt ein friedhofsübliches Schild. Statt Hinweisen auf die Grabpflege durch Gärtner oder die Friedhofsverwaltung finden sich darauf Sätze von Friedhofsbesuchern, die die Künstlerin in Gesprächen eingefangen hat. Dieselbe Spannung von gesellschaftlich-öffentlicher und privater Haltung findet sich in anderer Form, aber als grundlegendes Interesse in Karolin Brägs Arbeiten in dieser Installation wieder. Die allgemeine Ordnung, verkörpert durch die Regelmäßigkeit der Formen, den Zeitplan, die massenhafte, einheitliche Bepflanzung steht der persönlichen Haltung der Lebenden gegenüber. Ihre Haltung, die sich in ihren Aussagen spiegelt, bezieht sich auf den Ort und ihre Erwartung an Gedenken – der Tod ist ein Problem der Lebenden, nicht der Toten. Jede Aussage gibt dem Seriellen, dem Einheitlichen als Pendant einen individuellen Bedeutungshorizont, der sich erstreckt von Resignation und Flucht in Banalitäten bis zur kritischen Distanzierung und Behauptung von Unabhängigkeit. Auf diese Weise entsteht in der Einheitlichkeit der Form zugleich ein vielschichtiges Bild. Und jede Aussage ist eine stellvertretende Sicht dieses Bildes. Erst in der Reflexion über die Aufmerksamkeit zum Nachdenken bekommen die Phänomene ihre Bedeutung, ihren Wert, ihre Qualität für das Leben.

Textauszug von Werner Meyer, »Memento Mori« im Katalog »Ich bin zufrieden hier«, 1997